
Es sind nur vier Zeilen, sie stammen aus dem Poesiealbum meiner Großmutter, das in einem verlorenen Winkel im Keller auf seine Wiederentdeckung gewartet hatte.
Diese vier Zeilen klingen wie eine Melodie, die von einem Kurorchester in einem plüschigen Badeort gespielt wird und die herüberweht aus einer wirklich versunkenen Welt.Sie lautet: Sei wie das Veilchen im Moose, bescheiden, sittsam und still; nicht wie die stolze Rose, die immer bewundert sein will.
Beim weiteren Blättern finde ich viele weitere Sprüche und Ratschläge,-beispielsweise:Dem kleinen Veilchen gleich, das im Verborgenen blüht, sei immer fromm und gut, auch wenn dich niemand sieht...oder:Bewahr im Herzen Sonnenschein und trag ihn überall hinein.
Mein erster Gedanke:Was die Mitschülerinnen von einst rieten, das soll man den Menschen von heute einmal klar machen:dass er - im Verborgenen- leben soll, bescheiden und sittsam, fromm und gut!Wer immer es versucht, er würde ausgelacht.Er würde in den Verdacht geraten, die brutalen Spielregeln nicht zu kennen, mit denen wir es heute zu tun haben, ein Träumer zu sein, inmitten einer Gegenwart, die alles erlaubt, nur eines nicht: sich poetischen Wünschen hinzugeben.
Ein Blick in die Buchhandlungen allein genügt schon:Dort liegen die Ich-bin-ich-Bücher zuhauf, da gibt es Titel wie: Warum es sich lohnt, faul, unpünktlich und unordentlich zu sein-Da wird allen Ernstes behauptet, dass es einem im Leben besser geht, wenn man sich gehen lässt.Das Tugenden überholt und eigentlich nur etwas für Schlafmützen sind, hinderlich bei der Jagd nach Glanz, Glück, Erfolg.
Mein zweiter Gedanke:Was würde ich heute einem jungen Menschen in sein Poesiealbum schreiben, wenn er denn überhaupt ein solches besitzt?Müsste ich nicht schreiben: Nimm was du kriegen kannst, in dieser geilen Welt, nimm alles ohne jede Scham, nimm vor allem Geld, Geld, Geld.Müsste ich nicht so oder ähnlich formulieren, wenn ich den Nerv der Zeit treffen wollte?
Und müsste ich nicht hinzufügen: Tu alles, um in die Medien zu kommen.Big Brother ist für jeden da.Habe Mut, obszön zu sein.
Mein letzter Gedanke aber ist der traurigste, weil ich beim Blättern spürte, dass es eine Zeit gegeben hat, in der man die Vokabeln-bescheiden, still, fromm, gütig, liebevoll- noch schreiben konnte, ohne als blutleere Moralistin abgetan zu werden.
Und weil das schwärmerische Poesiealbum mir die nüchterne Realität von heute ins Bewusstsein rückte.Wir sind keine stillen Veilchen im Moos, aber dass wir deshalb schon wunderschöne edle Rosen sind, das will mir doch hoffentlich auch keiner erzählen.Nein, wir haben die Mitte verloren-und sind alle Suchende. Und das Poesiealbum für unsere Generation muss erst noch geschrieben werden.